Warum überhaupt ins Studio gehen wenn doch die Technik heute so billig ist?
Das fragt sich so manche
Band heutzutage, die ein Demo oder gar eine CD aufnehmen will. Einen Rechner
mit Soundkarte hat man sowieso, eventuell auch ein kleines Mischpult und
vielleicht sogar ganz anständige Mikros.
Die benötigte Software hat man auch. Also braucht man nicht ins Studio zu gehen.....
Die Ernüchterung
folgt dann aber meist ziemlich schnell. Gewöhnlich wird dann die Schuld
auf die Software geschoben oder mit dem fehlenden Mastering entschuldigt.
Beim nächsten mal besorgt man sich dann bessere Software und auch
Software mit der man mastern kann und trotzdem klingt das Ergebnis nicht
professionell. Warum?
Die wichtigsten Gründe
düften sein:
1. Die Technik - die Grundlage für guten Sound
2. Der Umgang mit der Technik - das wahre Know How Teil 1
3. Der Umgang mit der Musik - das wahre Know How Teil 2
Die Technik - die Grundlage für guten Sound
Analog-Digital-Wandlung
Auch heute kostet ordentlich klingende Technik ihr Geld. Eine 200DM-Soundkarte wird nicht so
gut klingen wie zum Beispiel der 3000DM teure RME ADI-8 den wir im Studio
haben. Die Wandlung eines analogen Signals in digitale Werte und umgekehrt
ist eine komplexere Angelegenheit als nur mal ein bisschen Spannung 44100mal
in der Sekunde zu messen.
Vor der eigentlichenWandlung muss das Signal auch noch durch ein bisschen analoge Elektronik
die bei billigen Karten eben auch billig ist. Das ganze dazu noch im
Rechner wo alle möglichen Störungen auf die Soundkarte einstrahlen.
Und nicht zuletzt produzieren die Wandler selbst auch noch Fehler (->linearität,
jitter).
Mikrofonvorvestärker
Das Signal welches
von Mikrofon kommt muss, bevor es in den AD-Wandler oder direkt auf die
analoge Bandmaschine gelangt, erst einmal auf Line-Pegel (+4dBu oder -10dBV)
verstärkt werden.
Dazu wird ein sogenannter
Mikrofonvorverstärker benötigt.
Normalerweise sind
diese in den Eingangsektionen der Mischpulte eingebaut. Diese Mikrofoneingänge
der Mischpulte zu benutzen erscheint so trivial, dass viele nicht mal mehr
darüber nachdenken.
Man muss sich aber
mal vor Augen halten, dass Mikrofonvorverstärker das Signal bis zu
tausendfach verstärken müssen. Kein Wunder also das hier ein
wesentlicher Einfluss für den Klang liegt. Also sollte man schon überlegen
durch was man sein mühevoll gespieltes Signal jagt.
Die Mikrofonvorverstärker
billiger Mischpulte sind - dreimal dürft ihr raten - eben auch billig
und schlecht. Sie rauschen und produzieren Verzerrungen und es gibt übersprechen
zwischen den Kanälen.
Meist wird dann das
Signal noch durch das gesamte Pult gejagt wo es zu zusätzlichen Rauschen
und Verzerrungen kommen kann. Und auch die EQs billiger Pulte sind oft
nicht das Wahre.
Aus diesem Grund benutzen wir hauptsächlich gute bis sehr gute Stand-alone-Mikrofonverstärker wo einer
mindestens 1000DM kostet und auch klingt. Das Signal geht dann direkt ohne
Umwege und Routings in die A/D-Wandler. Lediglich für Schlagzeug wo viele Mikros benötigt werden nehmen wir noch zusätzlich das Mischpult für die unkritischeren Mikros.
Verarbeitung im Rechner
Der Rechner selbst
mit seinen Festplatten ist eventuell die einzige Sache womit ihr uns daheim
voraus sein könnt wenn ihr einen sehr neuen Rechner habt. Die Rechner
veraltern derart schnell, dass man hier schnell nicht mehr up to date ist.
Rein rechnerisch
natürlich - wenn man mit Daten protzen will. Denn ein ordentlicher
Audiorechner ist ordentlich gepflegt und optimiert. Kein Officepaket oder
Hintergrundanwendung belastet die CPU zusätzlich oder führt zur
Instabilität.
Die Mär dass
Macs stabiler sind kann bei der Gelegenheit auch endgültig ins Reich
der Legenden verwiesen werden. Ein ordentlicher PC mit ordentlichen Komponenten
ist mindestens genauso gut. Der Vorteil des Macs ist, dass es viel weniger
(schlechte und billige) Hardware dafür gibt. Daher hinkt der Vergleich
eines Billig-Discount PCs mit einem Mac nämlich. Ein Mac ist
immer auf einem bestimmten Mindesniveau. Bei der Fülle der PC Komponenten
muss man schon selbst für Niveau sorgen und auswählen was man in den PC einbaut. Gerechtigkeitshalber sei auch erwähnt, dass das Vorurteil ein Mac wäre teurer als ein guter PC somit auch nicht mehr stimmt.
Auch wenn es vielleicht
komisch klingen mag: digitale Verarbeitung ist nicht ohne Fehler!
Digital gleich perfekt ist eine Marketinglüge um sämtlichen digitalen
Kram zu verkaufen und um die CD damals zu etablieren.
Teilweise muss man
auch Kompromisse machen um nicht unnötig Rechenleistung zu verbrauchen.
So klingen zum Beispiel die EQs und Halleffekte die bei Standartsoftware dabei
sind eben auch nich sonderlich toll. Und gute PlugIns haben auch ihren
Preis und diese findet man nicht so schnell als Raubkopie im Netz....
Auch der schnellste
handelsübliche Rechner ist irgendwann erschöft. Und das ist schneller
der Fall als man denkt.
20 Spuren alle mit
EQ, Compressor, Gate dazu noch zwei Halleffekte und die Kiste ist dicht.
Nervige Zwischenmixdowns sind dann angesagt. Professionelle Systeme
wie Protools beispielsweise haben daher ihre eigenen digitalen Signalprozesoren
(DSPs) .Wir haben uns für das Pulsar-System vom Creamware entschieden.
Mit derzeit 14 shark-DSPs steht nochmal eine ganze Menge an zusätzlicher
Rechenleistung zur Verfügung.
Effekte
Auch hier gilt das
oben gesagte. 200DM Effekte und Compressoren machen meist alles schlimmer
anstatt das Signal zu verbesseren. Live mögen preiswerte Geräte
ihren Zweck erfüllen. In einer ordentlichen Signalkette für Aufnahmen
sind sie allerdings fehl am Platz.
Raumakustik
Ordentliche Studios
haben auch eine wesentlich bessere Akustik als eierpackungsbeschlagene
Proberäume. Letzteres wird oft gesehen, bringt aber kaum etwas. Es
macht lediglich den Raum etwas dumpfer. Es beweisst letztendlich nur dass
man von Akustik keine Ahnung hat......
Genauso ist
ordentliches Abhören wichtig. Denn nur was man hört, kann man
auch verbessern oder vermeiden. Erinnert euch: wir wollen Musik aufnehmen.
Und da ist eine gute Abhörgelegenheit das A und O. Dazu zählt
auch die Raumakustik des Regieraums. Teure Boxen in schlechten Räumen
bringt da auch nicht allzuviel. Was nützt euch die beste Technik und
besten Boxen wenn euer Raum dröhnt oder bestimmte Töne verschluckt
oder einfach vermatscht? Man benutzt einen EQ vor den Abhörboxen?
Vergesst es. Das macht alles nur noch schlimmer. Denn die Korrektur mittels
EQ funktioniert nur exakt an einer Stelle im Raum. Eine kleine Bewegung
zur Seite und man hat unter Umständen einen viel schlechteren Sound
als vorher. Denn das was man an der einen Stelle korrigiert, ist dann genau
an einer anderen Stelle verstärkt. (->Stehende Wellen, Resonanzen)
An anderer Aspekt
ist der natürliche Hall des Raums. Ist er nicht korrekt kann man auch
keinen Halleffekt vernünftig beurteilen. Denn der Hall des Raumes
wo man die Musik hört kommt immer mit dazu. Ist er zum Beispiel zu
stark neigt man dazu der Mischung zu wenig Hall zuzugeben.
Der Umgang mit der Technik - das wahre Know How Teil 1
Je teurer die Technik desto besser?
Ich habe zwar oben beschrieben, dass man möglichst gute Technik braucht um vernünftige Aufnahmen machen zu können. Die Wahrheit ist aber: das stimmt so nicht
ganz.
Ein gewisses Mindestniveau
vorausgesetzt kann man auch mit mittelmässiger Technik Top-Produktionen
erstellen. Die Kunst besteht darin die Technik richtig einzusetzen. Man
kann mit einem 2DM Schraubenzieher die Schraube genauso reindrehen wie
mit einem 1000DM-Bohrschrauber. WO man die Schraube reindreht und wie FEST
das ist die Kunst!
Beherrschung der Grundlagen
Genauso fehlt es
oft an Grundlagen: Wie stelle ich die Mikros auf? Welches nehme ich wofür?
Was ist Nierencharkteristik? Was macht ein Compressor wirklich? Ist er
ein Allheilmittel? Kriege ich mit einem Gate die Trommeln wirklich getrennt?
Welchen Hall nehme ich? Was ist ein Predelay? Wie erreiche ich Tiefenstaffelung
im Mix? Wie kriege ich ein breites Stereobild? Wann muss ich Dithern?
Die Web-Foren und
Newsgroups sind voll mit solchen Fragen. Meist wird gar nicht mehr gefragt
"Wie macht man das?" sondern "Wie heisst das Programm was das für
mich macht?"...
Tontechnik ist eine
Kunst! Es gibt keine Rezepte, die man anwenden kann! Der Typ im Studio
kann und weiss das aber. Er weiss was man machen kann aber auch was nicht.
Andererseits sind aber genau deshalbTontechniker, die glauben sie wüssten
und können alles, genauso verdächtig....
Kreatives Einsetzen der Technik
Ihr wollt etwas
erreichen. Einen bestimmten Sound. Der Produzent im Studio hat sich darum
zu kümmern, dass das geht. Oft werdet ihr allerdings gesagt bekommen,
dass ihr nicht so klingt oder spielt. Das ist normal. Denn die Technik
sind nur Werkzeuge mit denen man den Sound bearbeiten kann. Man kann ihn
verfeinern, optimieren, glattpolieren.
Man kann nicht aus
Scheisse Gold machen! Obwohl genau das immer wieder von unerfahrenen Musikern
angenommen wird, die sich von teuren Geräten und riesen Mischpulten
blenden lassen. Dass man selbst mit den besten Graphik- und Photobearbeitungsprogramm
aus einer hässlichen alten Frau keine Claudia Schiffer machen kann,
leuchtet dagegen jeden sofort ein.
Der Umgang mit der Musik - das wahre Know How Teil 2
Warum klingt es nicht so wie bei Band XY?
Oft wird der Tontechniker
als unfähig hingestellt wenn er es nicht schafft euch wie eure Lieblingsband
klingen zu lassen. Aber habt ihr dran gedacht dass Musik VOR den Mikrofon
gemacht wird? Denkt an den Vergleich mit Claudia Schiffer. Wenn ihr ein
Foto haben wollt auf dem eine Frau zu sehen ist, die wie Claudia aussehen
soll, dann muss auch vor der Linse eine Frau sein, die so aussieht, die
so geschminkt ist und die so posiert!
Um es auf die Musik
zu übertragen: wenn ihr nicht so spielt wie Band XY, wenn ihr nicht
die Instrumente habt wie Band XY, dann wird es nie wie XY klingen. Diese
Erkenntnis ist für viele erstmal hart zu schlucken. Aber es ist unser
Job daraus - also aus euch - was geil klingendes zu machen. Da könnt
ihr im Proberaum jahrelang versuchen wie Band XY zu klingen.....
Arragement
Panische Angst haben
manche Bands, dass der Produzent in ihre Musik reinreden will.
Nun wenn er es macht,
dann nicht um eure Musik seinen Stempel aufzudrücken, sondern um versuchen
zu erkennen was ihr GEMEINT habt und das dann mit euch UMZUSETZEN. Doppelbassdrums
und Basssolo gehen meist ebensowenig zusammen wie Keyboardsolo und Gitarrensolo
und Gesang gleichzeitig.
Der Techniker im
Studio ist jemand der selbst Musik macht oder gemacht hat. (Falls nicht:
meidet das Studio!) Nur, er sagt euch eben auch was geht und was nicht
geht. Genauso wird er euch sagen, lieber etwas weggelassen als schlecht
aufgenommen. Weniger ist mehr! Wieder etwas was man sich im Proberaum innerhalb
der Band ungern eingesteht. Jeder will halt sein Solo spielen....
Aufnahme, Soundcheck und der Zeitfaktor
Wie gesagt, Musik wird vor dem Mikro gemacht. Aber die Kunst ist es auch diese Musik so mit
dem Mikro einzufangen, dass sie auch so klingt wie sie klingen soll. EQ
und Effekte - von unerfahrenden als Wunderwaffe angesehen (besonders Hall
auf Gesang und Gitarre) - sind vergelbliche Mühe wenn die Grundlage
nicht stimmt. Wenn das Instrument klingt, das Mikro richtig positioniert
ist, brauch man kaum EQ und Effekte damit es klingt. Die Kunst besteht
auch hier die Mikrofone auszuwählen und so anzubringen, dass es klingt.
Genauso müssen die Instrumente ordentlich klingen. Auch das Schlagzeug
muss gestimmt sein, abgedämmt usw.
Das alles braucht seine Zeit. Genauso wie man an der Soundeinstellung Kompromisse machen
muss, muss man sich auch beim Aufnehmen irgendwann mit Kompromissen zufrieden
geben. Metallica unf Rammstein werden zum Beispiel oft als Vergleich herangezogen.
Hey, die nehmen sich zum Stimmen und Auswählen der Snare mehr Zeit
als ihr für eure gesamte Aufnahme.
Und ein Album ist nicht mal eben so nebenbei nach 8h Aufnahmesession abgemixt. Die Zeit zum
Mixen wird oft nämlich fast immer unterschätzt. Genauso wie die
physio- und psychologischen Effekte der menschlichen Gehörs. Man kann
keine 8h ununterbrochen Mischen und hoffen das was brauchbares rauskommt.
Na gut, hoffen kann man es schon...
Deshalb versuchen wir im Vorfeld immer abzuklären wie gut das Resultat werden soll.
Soll ein Demo in einem Wochenende aufgenommen werden, dann kann einfach
keine Perfektion herauskommen. Es sei denn ihr seid wirklich gut und klingt
auch ohne Aufwand perfekt.